Dr. Jochen Bellebaum

In Niedersachsen wurden mit Verordnung vom 23.5.2008 die Jagdzeit für Graugänse Anser anser um zwei Monate verlängert und eine Jagdzeit für Bläss- A. albifrons und Saatgänse A. fabalis/A. rossicus eingeführt (1.8.-31.8., 1.11.-15.1., ausgenommen sind bestimmte EU-Vogelschutzgebiete). Zur Begründung wird u. a. die „Vermeidung von Schäden in der Landwirtschaft“ angeführt. Es gibt aber keine verlässliche Prognose, welche Wirkungen die Neuregelung haben wird.

Bejagte Gänse zeigen gegenüber Menschen bzw. Autos höhere Fluchtdistanzen als unbejagte (z. B. Kruckenberg et al. 2007). Aufgrund eigener Messungen haben wir durchschnittliche Meidedistanzen weidender Gänse gegenüber Siedlungen und Straßen in der Ems-Dollart-Region (Niedersachsen) bei unterschiedlichem Jagddruck geschätzt. Die Szenarien umfassen den Zustand bis 2008 innerhalb und außerhalb der Graugansjagdzeit, eine intensivierte Jagd auch auf arktische Gänse sowie vollständige Jagdruhe. Deren Auswirkung auf die Flächennutzung durch Gänse wurde mittels GIS und einem 200 x 200 m-Raster simuliert. Für jede Rasterzelle wurde anhand des Abstandes zwischen dem Mittelpunkt und dem nächsten Weg / der nächsten Straße ihre Eignung als Gänsenahrungsfläche bestimmt (Tab. 1).

Hohe Fluchtdistanzen reduzieren die nutzbare Fläche, der Anteil uneingeschränkt nutzbarer Raster sinkt unmittelbar nach Jagdereignissen unter 40% (s. Tab. unten). Da von der Bejagung beim morgendlichen Abflug vom Schlafplatz auch die Gänse betroffen sind, die später im jagdfreien Schutzgebiet weiden, ist die nutzbare Nahrungsfläche auch dort reduziert. Bei unveränderten Rastbeständen würde der Weidedruck auf der verbliebenen Fläche steigen und damit auch die Schadenswahrscheinlichkeit. Sollte die verbleibende Fläche für die am Dollart rastenden Gänse nicht mehr ausreichen, wäre auch ein Rückgang der Rastbestände in den Vogelschutzgebieten möglich, der mit dem europäischen Naturschutzrecht nur schwer zu vereinbaren wäre. Dagegen wäre bei vollständigem Jagdverzicht das Schutzgebiet fast vollständig nutzbar.

Eine Auswertung der Gänsezählungen der letzten 10 Jahre zeigte für die laut Simulation nicht uneingeschränkt nutzbaren Raster wie vorhergesagt eine geringere Nutzung durch Bläss- und Nonnengänse Branta leucopsis während der Jagdzeit und eine verstärkte Nutzung außerhalb der Jagdzeit. Weil
(1) die Raster im Vergleich zu mittleren Fluchtdistanz-Differenzen um 50m relativ groß waren und
(2) die Nutzung von der Größe und Qualität der Nahrungsfläche innerhalb der Raster abhängt, ist der Einfluss der Jagd damit noch nicht vollständig zu beurteilen.

Die mittels Fluchtdistanzmessungen und GIS simulierten Szenarien liefern damit überprüfbare Vorhersagen zu den Auswirkungen verstärkter Gänsejagd, die als Grundlage für ein Effektmonitoring verwendet werden können. Flächenscharfe Aussagen, insbesondre Schadensprognosen, würden aber eine Erfassung der Flächennutzung mit präziseren und aufwändigeren Methoden erfordern.

 

Tab: Anteile genutzter Raster für verschiedene Szenarien

    überwiegend nicht genutzt teilweise nicht genutzt vollständig nutzbar
Schonzeit Distanz Mittelpunkt - Weg ≤ 50 m 51-150 m > 150 m
  Anteil Raster Gesamtgebiet 28% 24% 48%
  Anteil Raster Vogelschutzgebiet 15% 26% 59%
Jagdzeit GG Distanz Mittelpunkt - Weg ≤ 50 m 51-200 m > 200 m
  Anteil Raster Gesamtgebiet 28% 34% 38%
  Anteil Raster Vogelschutzgebiet 15% 38% 47%
Jagd GG, BG, SG Distanz Mittelpunkt - Weg ≤ 50 m 51-250 m > 250 m
  Anteil Raster Gesamtgebiet 28% 43% 29%
  Anteil Raster Vogelschutzgebiet 15% 49% 36%
Vollschonung Distanz Mittelpunkt - Weg 0 m ≤ 50 m > 50 m
  Anteil Raster Gesamtgebiet 9% 17% 74%
  Anteil Raster Vogelschutzgebiet 1% 14% 85%

Literatur

Kruckenberg H, Bellebaum J & Wille V 2007: Fluchtdistanzen nordischer Gänse entlang des Zugwegs. Vogelwarte 45: 317-318.