Raumnutzung und Verhalten überwinternder Blessgänse am Duisburger Niederrhein

Christian Eikmeier

Jedes Jahr verlässt die Europäische Blessgans (Anser albifrons albifrons) ihr arktisches Brutgebiet, um in Westeuropa zu überwintern. Der Untere Niederrhein stellt als zentral gelegenes Gebiet einen der wichtigsten Rast- und Überwinterungsplätze für diese Art da. Unmittelbar am Rand des Ballungsraums Ruhrgebiet nutzen die Blessgänse die im Raum Duisburg gelegenen Vorländer und Binnenländer als Rastgebiet. Dieses weist aufgrund seiner Nähe zu den am Rhein liegenden Industriestrukturen, der landwirtschaftlichen Nutzung und des Erholungstourismus eine einzigartige Struktur auf, in der sich die Landschaft von allen anderen Winterrastplätzen am Rhein abhebt.
In dieser Arbeit wurde die Raumnutzung und das Verhalten der Blessgänse innerhalb dieses Winterrastgebietes untersucht. Eine zentrale Beachtung fand dabei das von den Tieren im raum-zeitlichen Gefüge gezeigte Verhalten.

Verhaltensunterschiede in den Teilgebieten (anklicken zum Vergrößern)


In der Rastsaison 2007/2008 wurde der Bestand im wöchentlichen Abstand zu verschiedenen Zeiten des Tages durch Zählungen erfasst und es wurden Präferenzen für die vorhandenen Flächentypen ermittelt. Eine mehrfaktorielle, multivariate Varianzanalyse der bei Verhaltensbeobachtungen mit der Scan Sampling-Methode und Focustierbeobachtungen gewonnenen Daten lieferte Aufschluss darüber, in welcher Art die Gänse ihr Verhalten an die verschiedenen Bedingungen anpassten.
Die Blessgänse besaßen eine hohe Wechselbereitschaft zwischen den Teilflächen des Untersuchungsgebiets und zeigten ein Raummuster, das sich stark nach der Verfügbarkeit der von ihnen bevorzugten Zuckerrüben richtete. Zum Nachmittag sammelten sie sich auf den schlafplatznahen Äsungsflächen.
Mit den Ortswechseln ging eine Veränderung im Verhalten einher. Im FFH Gebiet Rheinaue Walsum (Teilgebiet Walsum Vorland und Binnenland) überwachten die Tiere weniger intensiv ihre Umgebung und konnten daher mehr Zeit der Nahrungsaufnahme widmen. Dieses Verhalten, die hohe Präferenz der Blessgänse für diese Teile des Rastgebietes sowie dessen Strukturen sprechen für eine Interpretation als Habituation an den zeitlich und räumlich konstanten Besucherstrom dieser Teilgebiete. Mit Voranschreiten der Winterrast reduzierten die Gänse ihre Anstrengungen zur Gefiederpflege und intensivierten stattdessen die Nahrungsaufnahme, um sich auf den anstehenden Heimzug vorzubereiten. Auf den Ackerflächen fraßen die Vögel weniger intensiv als auf den Grünlandflächen, was als Ausdruck eines höheren Energie- und Nährstoffgehaltes dieses Nahrungsangebotes aufgefasst werden kann. Gleichzeitig liefen die wilden Gänse auf Zuckerrübenresten und Wintergetreide einen größeren Anteil ihres time-budgets, zum einen um die höheren Abstände der Nahrungspflanzen zu überbrücken, zum anderen um die individuendichten Zentren dieser Flächen zu verlassen.

Die Ergebnisse stellen den Duisburger Niederrhein als einen Zusammenschluss von Teilgebieten dar, der nur als Komplex alle für die Blessgänse notwendigen Strukturen für die Winterrast bietet. In diesem bewegen sich die Tiere in Abhängigkeit der sich verändernden Bedingungen opportunistisch übers Jahr und über den Tag. Dabei reagieren die Blessgänse mit einer Variation ihres Verhaltensspektrums als Anpassung auf die besonderen Strukturen dieses Rastgebietes.