Prävalenz der Schrotbelastung bei Wildgänsen in Deutschland – Vorläufige Ergebnisse

Dr. Norbert Kenntner

Im Rahmen des BMBF-Projektes „Bleivergiftungen bei Seeadlern: Ursachen und Lösungsansätze“ werden zur Klärung des Expositionspfades von Bleivergiftungen bei Seeadlern und anderen Greifvögeln Wasservögel mit einem mobilen Röntgengerät auf Schrotbeschuß untersucht.
Im Winter sind Wasservögel eine wichtige Nahrungsressource für Seeadler. Angeschossene Wasservögel sind durch ihre Verletzungen für Seeadler eine einfach zu erlangende Beute oder werden als Aas gefunden. Bleivergiftung durch die orale Aufnahme von bleihaltiger Jagdmunition ist die häufigste Todesursache bei Seeadlern in Deutschland (Kenntner et al. 2001, 2004, Krone 2002).
Das Ziel der Untersuchung ist die Darstellung des prozentualen Anteils der angeschossenen Wildgänse in Deutschland.Die Wildgänse werden zur individuellen Markierung mit Kanonennetzen oder einer traditionellen niederländischen Schlagnetzmethode mit konditionierten Lockgänsen gefangen.
Die Vögel werden mit einem mobilen Röntgengerät geröntgt, aufgrund einer digitalen Röntgentechnik sind die gespeicherten Aufnahmen sofort auswertbar. Von den Vögeln werden Blutproben für die toxikologische Analyse von Blei und anderen Schwermetallen genommen. Nach der Untersuchung und Probennahme werden die mit Hals- und Kennringen markierten Wildgänse wieder freigelassen.
Im Zeitraum vom Herbst 2006 bis zum Herbst 2008 wurden bislang 314 Wildgänse gefangen und geröntgt. Es wurden im Juni 2007 und 2008 insgesamt 60 mausernde Graugänse (Anser anser) am Nonnensee/Rügen gefangen und geröntgt. Am Gülper See/Brandenburg und im Nationalpark Unteres Odertal wurden jeweils im Oktober 2006, 2007 und 2008 insgesamt 128 Blessgänse (Anser albifrons), 98 Tundra- (Anser fabalis rossicus) und 28 Waldsaatgänse (Anser fabalis fabalis) gefangen.

Mit Schlagnetzen und trainierten Lockvögeln werden die Gänse gefangen

Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass 21,3% der geröntgten Wildgänse mit Jagdschrot angeschossen waren. Der Anteil der angeschossenen Graugänse beträgt 20,0% (n=60), 21,5% bei Blessgänsen (n=128), 24,5% bei Tundrasaatgänsen (n=98) und 39,3% bei Waldsaatgänsen (n=28) (Tab. 1).

Röntgenbild einer angeschossenen Blessgans

Von den 67 angeschossenen Gänsen hatten 40 Vögel ein Schrot im Körper, bei 14 Vögeln waren es 2 Schrote, bei drei Vögeln jeweils 3 bzw. 4 Schrote, bei fünf Vögeln 4 Schrote und jeweils einem Vogel 6 und 7 Schrote.
Da die herbstlichen Fangaktionen (Oktober) vor der Jagdzeit auf Wildgänse stattfanden, wurden keine angeschossenen Vögel im 1. Kalenderjahr gefangen. Aus diesem Grund ist der Anteil der angeschossen Altvögel jeder Art erheblich höher als auf alle Individuen einer Art berechnet (Tab. 1).
Der Anteil von 39,3% angeschossener Waldsaatgänse (45,8% ohne Jungvögel!), deren rückläufige Population auf nur 70-90.000 Individuen geschätzt wird, zeigt eine ernsthafte Gefährdung durch die Gänsejagd (Heinicke 2004, 2005). Eine Novellierung der Gänsejagd auf den Zugwegen und in den Überwinterungsgebieten ist zum Schutz dieser (Unter-) Art zwingend notwendig.
Eine ähnlich hohe Schrotbelastung bei Wildgänsen wurde von Noer & Madsen (1996) in Dänemark beschrieben. In den Monaten März und April 1990-1992 wurden in 25% der juvenilen und 36 % der adulten Kurzschnabelgänsen (Anser brachyrhynchus) Schrote gefunden.
Das Röntgen von Wildgänsen nach der mitteleuropäischen Jagdsaison wäre aufschlussreich um die Beschussquote bei den Jungvögeln in den Überwinterungsgebieten zu ermitteln.
Die Häufigkeit der angeschossenen Wildgänse in Deutschland ist zusätzlich eine Gefährdung für Seeadler und andere Greifvögel. Werden mit Bleischrot angeschossene Vögel als Beute oder Aas von Greifvögeln verzehrt, kann die orale Aufnahme von metallischem Blei aufgrund der stark sauren Magensäure der Greifvögel zu einer akuten Bleivergiftung führen. Die Röntgenbilder der Wildgänse stellen allerdings nur die Schrotbelastung dar und lassen keine Bestimmung von Bleischrot oder alternativen Schroten, z.B. Weicheisenschrot, zu.

Tabelle 1

    nicht angeschossen angeschossen n % angeschossen
Graugans juvenil 1 0 1 0%
  adult 47 12 59 20,3%
  gesamt 48 12 60 20,0%
Blessgans juvenil 35 0 35 0%
  adult 73 20 93 21,5%
  gesamt 108 20 128 15,6%
Tundrasaatgans juvenil 30 0 30 0%
  adult 44 24 68 35,3%
  gesamt 74 24 98 24,5%
Waldsaatgans juvenil 4 0 4 0%
  adult 13 11 24 45,8%
  gesamt 17 11 28 39,2%
n   247 67 314 21,3%

Literatur

Heinicke T 2004: Neue Erkenntnisse zum Auftreten der Waldsaatgans in Mecklenburg-Vorpommern. Orn. Rundbrief Meckl.-Vorp. 45: 3–18.

Heinicke T, Mooij J & Steudtner J 2005: Zur Bestimmung von Saatgans (Anser f. fabalis, A. f. rossicus) und Kurzschnabelgans (Anser brachyrhynchus) und deren Auftreten in Ostdeutschland. Mitt. Ver. Sächs. Ornithol. 9: 533–553.

Kenntner N, Tataruch F & Krone O 2001: Heavy metals in soft tissue of white-tailed eagles found dead or moribund in Germany and Austria from 1993 to 2000. Environmental Toxicology and Chemistry 20: 1831-1837.

Kenntner N, Oehme G, Heidecke D & Tataruch F 2004: Retrospektive Untersuchung zur Bleiintoxikation und Exposition mit potentziell toxischen Schwermetallen von Seeadlern Haliaeetus albicilla in Deutschland. Vogelwelt 125: 63-75.

Krone O, Langgemach T, Sömmer P & Kenntner N 2002: Krankheiten und Todesursachen von Seeadlern (Haliaeetus albicilla) in Deutschland. Corax (Sonderheft 1): 102-108.

Noer H & Madsen J 1996: Shotgun pellet loads and infliction rates in pink-footed geese Anser brachyrhynchus. Wildlife Biology 2: 65-73.

Kontakt

Kenntner N, Heinicke T, Polderdijk K & Krone O, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Alfred-Kowalke-Str. 17, 10315 Berlin, E-Mail: kenntner(at)gmx.net